Niederhornkanne, TYC, 28.-30. Juni 2019

Bericht des drittplatzierten Schweizers, Oliver Wirz SUI-96:

Die Daten für den Bericht über die Niederhornkanne 2019 konnten man leider aufgrund klimabedingter Systemausfälle nicht wiederherstellen. Selbst die Black Box hatte Staub geschluckt. Erschöpft, dehydriert und von der sengenden Sonne gezeichnet, gaben Oliver Wirz und SUI 96 dennoch folgendes zu Protokoll:

Bereits auf der steinigen und beschwerlichen Anreise über den Brünigpass zeigte das Thermometer auf 29 Grad, lange bevor die Sonne im Zenit stand. Mit 190 Pferdestärken geht’s Richtung Osten in der Hoffnung Wind und Wasser zu finden. Angekommen im TYC traf die unbarmherzige Hitze den Schreibenden und das Wüstenschiff auf voller Breitseite. Die Luft flimmerte über dem ausgetrockneten Parkplatz und verwischte sämtliche Konturen. Hier schien es Wasser und Wind zu geben, ein grüner Bergsee glitzerte wie eine Oase durch die Blätter – oder war das eine Fata Morgana?

Planmässig fand das Briefing um 13.00 statt und kurz darauf gings raus für 3 sec durchgeführte Läufe unter traumhaften Bedingungen. Links starten, rasch nach rechts wenden und mal hü bis auf weiteres. Das war der Plan. Vor dem Start setze ich also mein Kamel neben SUI 5 und taste mich an die Linie vor. Das ist keine gute Idee, befand mein Tier. Das Viech vom Christoph könne heftig ausschlagen und es wolle nicht schon am ersten Tag eine blutige Lippe riskieren. Also dann! Distanz, bevor die Hufe fliegen.

Schon nach dem Start forderte die Hitze ihren Tribut. Konzentriert auf Geschwindigkeit und Höhe, und im Glauben im Augenwinkel links in der Ferne günstige Winde erspäht zu haben, war die Wende nach rechts vergessen und der Plan ging bachab. Während die anderen schon lange nach Norden abgedreht waren, hatte ich immer noch Kurs auf Zweisimmen. Shit, besser gesagt Kamelmist! Doch das Gerangel an den Bahnmarken erzeugte ein wenig World Masters Stimmung, einfach ohne Strömung. Das spendete Trost. Mittlerweile hat Christoph Christen den Lauf gewonnen, Carlo Lazzari und Thomas Bangerter belegten Platz 2 und 3. Gefühlte Stunden später passierten wir dann auch noch die Ziellinie inmitten der Karawane – viele vor uns und genug hinter uns, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Trotzdem; würde man die Rangreihenfolge auf eine Kamel-Länge verteilen, wo der Erste bei den Nasenlöchern und der letzte am borstigen Schwanzende liegt, wäre unser Rang etwa auf Höhe der Galle aber fühlte sich an wie am Arsch.

Im zweiten Lauf lief es kaum besser. Ich habe aus der Ferne mitbekommen wie Till Klammer vor Peter Ganzert und Franz Bürgi den Lauf gewonnen hat. Erst im Dritten Lauf konnten wir uns steigern und landeten hinter Christoph Christen und Peter Ganzert auf Platz drei oder Höhe Gurgeli.

Am zweiten Tag starten wir kurz nach Mittag wiederum für drei Läufe. Den ersten gewann Marc Friedrich vor Ruedi Baumann und Peter Ganzert. Wir lagen wieder im Bereich der Galle.

Im zweiten Lauf steuerten wir kurz vor der Bahnmarke auf Kollisionskurs Richtung Christoph. Mein Kamel war schon wieder am hyperventilieren. Ich ignoriere es einfach und wir wenden dem Viech im Lee mit respektvollem Abstand vor die Schnauze. Sekunden später bemerkten wir, dass der Winkel zur Bahnmarke mega suboptimal war – wir steuerten kopfvoran in die Palme. Anluven! Fauna und Flora vor Schaden zu bewahren hat oberste Priorität. Oder etwa nicht? Christoph kam bei seiner Instant-Güterabwägung zu einem ganz anderen, unter diesen Umständen schwer nachvollziehbaren Schluss und schrie: „Nei – chasch nid machä – lueg iz – isch de das so schwäär?“ Wir konnten die Frage nicht sofort beantworten. Später beim Bier erklärte er seine Sicht der Dinge und wies auf die drei Kamellängen-Zone um die Palme hin, die angeblich von mir unterschritten worden sei. Beweisen konnte er das aber nicht. Die einzige Erklärung warum Christoph doch recht haben könnte, war die unberechenbare, temperaturbedingte Ausdehnung des Kamelrumpfs. Womöglich haben wir diesen Faktor etwas unterschätzt und die Zone um Nüsternbreite überschritten.

Die Rennleitung hatte leider auch am zweiten Tag jegliches Antreiben der Tiere durch Einsatz von Ferse oder Zaumzeug untersagt. Dies wohl aufgrund der Tatsache, dass einige Kamele schon etwas älter waren und deren Herrchen bereits in diesen Breitengraden kreuzten, als die Sommer unter der 30 Grad Marke blieben. Aus Rücksicht auf Menschen und Tiere kann man sagen es war der richtige Entscheid. Damit stieg jedoch das Penalty Risiko markant. Durch das auf und ab des Wüstenschiffs bzw. des Reiters, können Fersen und/oder das Zaumzeug ruckartig in Bewegung geraten. Dabei ist nicht auszuschliessen, dass auf diese Weise das eine oder andere Tier verdeckt angepiekst einen Gump nach vorne nimmt.

Vorsicht war geboten und wir waren gezwungen unsere Energie für den zweiten und dritten Lauf zu sparen. Im Zweiten war das halbe Feld in die Wüste gefahren und kam von rechts mit Überhöhe à la Skovshoved an die erste Bahnmarke. Denen hatte die Hitze ja mächtig zugesetzt. Wir rundeten in der Spitzengruppe und konnten uns hinter Michael Beyeler an die zweite Stelle schieben. Auf der letzten Kreuz gings hinter Michael Richtung Norden fast schon auf die Zielgerade. Das dachten wir zumindest. Alles sah gut aus bis zu dem Zeitpunkt als wir, anstatt auf bewährte Pfade zu setzen und dem Eingeborenen zu folgen, wieder aus unerklärlichen Gründen Kurs auf Zweisimmen nahmen. Michael hatte den Sieg in der Satteltasche, daran gabs auch an der Dattelpalme nichts mehr zu rütteln. Er hat erneut gezeigt, dass er stark startet und mit verschiedensten Bedingungen tiptop zurechtkommt. Unter Applaus galoppierte er über die Ziellinie, zweiter wurde Carlo Lazzari, dritter war Ruedi Baumann. Alle drei zeigten an diesem Wochenende mehrfach wie brandgefährlich sie unter extremen Bedingungen sein können. Erst im 6. Lauf pressten wir dann den letzten Tropfen Fettreserve aus den Höckern, um vor Christoph und Peter Ganzert den Laufsieg und Pole Position an der Bieroase zu ergattern.

Am Sonntag schien es lange Zeit so, als ob wir die Tiere ohne ein Rennen verladen müssen. Spät kam der Wind aber er kam. Voller Tatendrang waren mein Kamel und ich die ersten, die sich Richtung Startlinie begaben. Leider war das Ganze für die Füchse und unser Schicksalsrang mit ungeahnten Konsequenzen besiegelt.

Rangliste

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3. Franz Bürgi  –  1. Christoph Christen  –  2. Peter Ganzert (GER)

Videos und Fotos von Lotti Schmid:

Erster Lauf, 1. Luvboje

Vierter Lauf, 1. Luvboje



Kategorien:Regatta Berichte

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